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Hermann Hesse (1877 - 1962)

Hermann Hesse

Ravenna (1902)
I.
Ich bin auch in Ravenna gewesen
Ist eine kleine tote Stadt;
Die Kirchen und viele Ruinen hat,
Man kann davon in den Büchern lesen.

Du gehst hindurch und schaust dich um,
Die Starssen sind so trüb und nass
Und sind so tausendjährig stumm
Und überall wächst Moos und Gras.
Das ist wie alte Lieder sind.
Man hört sie an und keiner lacht
Und jeder lauscht und jeder singt
Hernach daran bis in die Nacht.

II.
Die Frauen von Ravenna tragen
Mit tiefem Blick und zarter Geste
In sich ein Wissen von den Tagen
Der alten Stadt und ihrer Feste.

Die Frauen von Ravenna weinen
Wie stille Kinder: tief und leise.
Und wenn sie lachen, will es scheinen
Zu trübem Text die helle Weise.

Die Frauen von Ravenna beten
Wie Kinder: sanft und voll Genügen.
Sie können Liebesworte reden
Und selbst nicht wissen, dass sie lügen.

Die Frauen von Ravenna küssen
Seltsam und tief und hingegeben.
Und ihnen allen ist vom Leben
Nichts kund, als dass wir sterben müssen.

 

Hesse, H. "Ravenna" in Jugendgedichte. Berlin, 1911.