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Carl Gustav Jung (1875 - 1961)

Carl Gustav Jung

Bei seinem zweiten Besuch in der Neonischen Taufkapelle von Ravenna erlebte Carl Gustav Jung 1934 eines der seltsamsten Ereignisse seines Lebens.


Erinnerungen, Träume und Gedanken (1934) 

Schon als ich das erste mal in Ravenna war (1913), hatte mir das Grabmal der Galla Placidia einen tiefen Eindruck gemacht; es erschien mir bedeutsam und faszinierte mich in ungewöhnlichem Maße. Bei meinem zweiten Besuch, etwa zwanzig Jahre später, erging es mir genau gleich. Wieder geriet ich im Grabmal in eine eigentümlich ergriffene Stimmung. Ich war mit einer Bekannten dort, und wir gingen anschließend in das Baptisterium der Orthodoxen.

Was mir hier zuallererst auffiel, war ein sanftes blaues Licht [...] Ich legte mir keine Rechenschaft darüber ab, von wo es ausging, und so kam mir das Wunderbare der mangelnden Lichtquelle gar nicht in den Sinn. Zu meinem Erstauen sah ich dort, wo sich nach meiner Erinnerung Fenster befunden hatten, vier große Mosaikfresken von unerhörter Schönheit, die ich, wie mir schien, vergessen hatte. Ich ärgerte mich, daß ich mich auf mein Gedächtnis so ganz und gar nicht verlassen konnte. [...] Am eindrücklichsten war das vierte Mosaik im Westen des Baptisteriums, das wir als letztes betrachteten. Es stellte dar, wie Christus dem untergehenden Petrus die Hand reicht. Vor diesem Mosaik hielten wir uns mindestens zwanzig Minuten auf und diskutierten über den ursprünglichen Taufritus, besonders über die merkwürdige Auffassung der Taufe als einer Initiation, die mit wirklicher Todesgefahr verbunden war. [...]

Von dem Mosaik des untersinkenden Petrus bewahrte ich die deutlichste Erinnerung und sehe noch heute jedes Detail von mir: Die Bläue des Meeres, die einzelnen Steine des Mosaiks, die Spruchbänder, die aus dem Munde Christi und Petri gingen, und die ich zu entziffern suchte. Nachdem wir das Baptisterium verlassen hatten, ging ich sogleich zu Alinari um mir Photographien der Mosaiken zu kaufen, konnte aber keine finden. [...] Als ich wieder zuhause war, bat ich einen Bekannten, der bald darauf ebenfalls nach Ravenna reiste, mir die Bilder zu beschaffen. Natürlich konnte er sie nicht auftreiben, denn er stellte fest, daß die von mir geschilderten Mosaiken überhaupt nicht vorhanden waren! Inzwischen hatte ich bereits in einem Seminar über die ursprüngliche Auffassung der Taufe als Initiation gesprochen und bei dieser Gelegenheit auch die Mosaiken erwähnt, die ich im Baptisterium der Orthodoxen gesehen hatte. Die Erinnerung an die Darstellung ist mir noch heute deutlich. [...]

Die Erfahrung im Baptisterium von Ravenna hat mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Seitdem weiß ich, daß ein Innen aussehen kann wie ein Außen und ebenso ein Außen wie ein Innen. Die wirklichen Wände des Baptisteriums, welche meine physischen Augen sehen mußten, waren überdeckt und verwandelt durch eine Vision, die ebenso real war wie das unveränderten Taufbecken. Was war in jenem Augenblick real? [...]


C.G. Jung, Erinnerungen, Träume und Gedanken, Zurich und Stuttgart, Rascher Verlag, 1963